Mehr Stabilität im Derivategeschäft

FSB nimmt sich Nichtbanken vor

Margin Calls haben in den vergangenen Jahren immer wieder für Verwerfungen an den Märkten gesorgt. Nun will der Finanzstabilitätsrat Nichtbanken dazu bringen, dafür Liquidität vorzuhalten.

FSB nimmt sich Nichtbanken vor

FSB nimmt sich Nichtbanken vor

Finanzstabilitätsrat empfiehlt: Mehr Liquidität vorhalten, um Margin Calls begegnen zu können

hip London

Margin Calls haben immer wieder für Turbulenzen gesorgt, zuletzt bei der britischen Pensionsfonds-Krise 2022. Der Finanzstabilitätsrat FSB fordert nun von Nichtbanken, mehr Liquidität vorzuhalten und regelmäßig umfassende Stresstests durchzuführen. Das ist mit Kosten verbunden.

Der Finanzstabilitätsrat FSB fordert von Nichtbanken, mehr Liquidität vorzuhalten, um im Falle hoher Kursschwankungen an den Märkten Margin Calls der Börsenbetreiber nachkommen zu können. Das Gremium gibt in einem am Mittwoch vorgelegten Bericht acht Empfehlungen. Sie sollen dazu beitragen, Marktverwerfungen wie nach dem Zusammenbruch des Hedgefonds Archegos oder dem sprunghaften Anstieg der Renditen britischer Staatsanleihen im Herbst 2022 zu vermeiden.

Gefahr für die Finanzstabilität

Nach der Finanzkrise zwangen die Aufsichtsbehörden die Banken, wesentliche Teile ihres Derivategeschäfts über zentrale Gegenparteien (CCPs) abzuwickeln. Alles in allem waren die Reformen ein Erfolg. Doch weil bei den CCPs, die in der Regel von etablierten Börsen wie der London Stock Exchange betrieben werden, ausreichend Sicherheiten hinterlegt werden müssen, ist ein neues Problem entstanden: Hohe Kursschwankungen führen zu Margin Calls, Nachschussforderungen in mitunter erheblicher Höhe. Sie können ihrerseits die Stabilität des Finanzsystems gefährden, wie die Krise der britischen Pensionsfonds vor zwei Jahren beispielhaft vor Augen führte.

Breite Zielgruppe

Der FSB nimmt sich nun Nichtbanken vor. Die Empfehlungen richten sich an Family Offices und Hedgefonds ebenso wie an Rohstoffhändler und Versicherer, also ein breites Spektrum von Marktteilnehmern, die es in Phasen erhöhter Volatilität mit Margin Calls zu tun bekommen können.

Angemessene Sicherheiten

„Marktteilnehmer sollten ausreichend Bargeld und diverse jederzeit verfügbare liquide Assets vorhalten und angemessene Sicherheiten arrangieren, um Margin Calls und Forderungen nach mehr Sicherheiten zu begegnen“, fordert nun der Finanzstabilitätsrat. Dabei sollten auch mögliche „Haircuts“ in Erwägung gezogen werden, Bewertungsabschläge also, die von den CCPs auf bestimmte Papiere vorgenommen werden können. Für die Marktteilnehmer ist das mit Kosten verbunden, denn Bargeld und bargeldähnliche Assets werfen in der Regel weniger Rendite ab.

Regelmäßige Überprüfung verlangt

Wichtig seien „robuste und effiziente operative Prozesse und Praktiken beim Management von Sicherheiten“, heißt es in dem Papier des FSB. Dazu gehöre deren regelmäßige Überprüfung, entsprechend der Größe, Natur und Komplexität der getätigten Transaktionen. Mithilfe von Stresstests solle ermittelt werden, ob man in der Lage sei, hohen Nachschussforderungen noch am selben Tag nachzukommen. Dabei rät der FSB zur Automatisierung des Sicherheitenmanagements, um in Stressphasen Reibungsverluste oder Störungen zu vermeiden.

Robustes Stresstesting

„Robustes Stresstesting sollte sowohl eine Reihe von extremen, aber möglichen Belastungen der Liquidität durch Änderungen bei den Margin Calls und Forderungen nach Sicherheiten als auch die Liquiditätsposition der Marktteilnehmer insgesamt analysieren.“ Dabei seien unterschiedliche Exposures wie zentral geclearte Derivate, bilaterale Derivate (OTC) und Wertpapiere separat zu betrachten. Berücksichtigt werden müsse auch, ob man in übervölkerten Strategien oder konzentrierten Marktsegmenten unterwegs sei. Das könne dazu führen, dass man die gleichen Assets zur gleichen Zeit wie andere Marktteilnehmer liquidieren müsse.

Risikoappetit definieren

„Marktteilnehmer sollten ihren Appetit auf Liquiditätsrisiken definieren, die aus Margin Calls und Forderungen nach Sicherheiten hervorgehen könnten, und Notfall-Finanzierungspläne festlegen, um sicherzustellen, dass Liquiditätsanforderungen aus solchen Calls nachgekommen werden kann, auch unter extremen, aber möglichen Stressbedingungen“, lautet eine Empfehlung. Der Risikoappetit sollte Geschäftsmodell, Anlagestrategie und Rolle im Finanzsystem entsprechen.

Britische Pensionsfonds-Krise

Die Bank of England mahnte bereits im vergangenen Jahr bei der Aufsicht The Pensions Regulator einen Stresstest für LDI-Fonds (Liquidity-Driven Investment) an. Vor der Krise im Herbst 2022 galt der Markt für Staatsanleihen (Gilts) mit langen Laufzeiten als wenig schwankungsanfällig. Umso härter schlugen spekulative Attacken auf Pfund und Gilts nach Bekanntgabe des nicht gegenfinanzierten Wachstumsplans der Regierung von Liz Truss ins Kontor. Für Pensionskassen mit per LDI gehedgten Verbindlichkeiten war das ein Problem.

Nur wenige verfügten offenbar über ausreichend Bares, um den Margin Calls nachzukommen, als die Zinsen in die Höhe schossen. Weil es Tage oder Wochen dauern kann, andere Assets zu Geld zu machen, verkauften viele Gilts. Das drückte die Kurse und führte zu weiteren Nachschussforderungen. Ein Teufelskreis kam in Gang, der erst durch Anleihenkäufe der Bank of England gestoppt wurde. Die Pensionsfonds bekamen dadurch Zeit, um die benötigten Barmittel aufzutreiben.

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